Resilienzfaktor Religion

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Leserbrief zu „An der Frontlinie. Die Religionen als Hotspots der Pandemie“ von Kerstin Holm, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2 April 2020, Feuilleton, Seite 13

Resilienzfaktor Religion
Die Einschätzung greift zu kurz, Religionen hätten sich als „Superverbreiter“ der gegenwärtigen Corona-Pandemie erwiesen. Zwar beruht Glaube auf Gemeinschaft, das gilt aber für viele weitere Lebensbereiche wie Sport, Kultur oder Bildung im Wesentlichen genauso. Niemand hält aber Opernhäuser, Schulen oder Fußballvereine für besondere Orte der Verbreitung, zumindest nicht mehr oder weniger als andere Orte der Begegnung auch, allenthalben wird der gegenwärtigen Ausfall dieser Gemeinschaftserlebnisse sogar bedauert.
Wenn Ihre Autorin nun aber gerade eine obskure Sekte aus Südkorea, orthodoxe Juden und Christen sowie Muslime aus dem Iran und Pakistan als besonders renitente, uneinsichtige Gemeinschaften darstellt, verzerrt sie das Bild von der Rolle der Religionen bei gesellschaftlicher Krisenbewältigung im Allgemeinen und während der derzeitigen Corona-Pandemie im Besonderen.
Darstellungen von Religionen in der Öffentlichkeit kranken häufig an einem nicht-definierten Religionsbegriff. Es ist nämlich ein Unterschied, ob Religionen als Phänomene eines individuellen Glaubens an eine transzendente Wirklichkeitserfahrung, als geschichtlich gewachsene, zumeist von Menschen gemachte Traditionen in Lehre und Praxis oder als ein gemeinsamer geistiger Urgrund der Menschheit offenbarter Schriften und Worte zu verstehen sind.
In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse einer jüngsten Umfrage des Berliner Forums der Religionen, einer religionsübergreifenden Arbeits- und Begegnungsplattform, unter Bahá’í, Buddhisten, Christen, Hindus, Juden, Muslime, Pagane, Sikhs sowie anderen interessant. Ungeachtet der Frage, inwieweit der durch die gegenwärtigen Maßnahmen zum Seuchenschutz verursachte Grundrechtseingriff in das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit sachlich begründet, verhältnismäßig und mit Artikel 28 des Infektionsschutzgesetzes in Einklang steht, wollte das Berliner Forum der Religionen in Erfahrung bringen, inwieweit die Religionsgemeinschaften in Berlin der ihren Religionen größerenteils inhärenten Notwendigkeit nach Gemeinschaftsbildung nachkommen können. Mit der Aussage „Wir möchten voneinander lernen, wie in Zeiten physischer Trennung dennoch religiöse Gemeinschaft gepflegt werden kann“ wurde den beim Forum gelisteten Kontaktpersonen der Religionsgemeinschaften Fragen vorgelegt.
Überraschend ist, dass die notgedrungen derzeit rein individuelle religiöse Praxis häufig als positiv empfunden wird. Für einige der Befragten ist partieller Rückzug ins eigene forum internum ohnehin Teil ihres religiösen Lebens, andere machen derzeit ganz neue, wohltuende Erfahrungen bei der Suche nach einer eigenen, glaubwürdigen Gebetspraxis. So sind für Ritualgebete im Islam und im Bahá’ítum, Meditationen im Buddhismus und Hinduismus oder für die zahlreichen Gebetspraxen in Judentum und Christentum nämlich keinerlei Gemeinschaft notwendig. Die Befragten erleben ihr derzeitiges religiöses Leben trotz Kontaktsperren und Versammlungsverboten als intensiv. Sie fokussieren sich auf das Wesentliche ihres Lebens und schaffen sich innere Freiräume. So ist zu vermuten, dass Gebet und Meditation zu Ausgeglichenheit und Zuversicht führt und in der Folge – und im Gegensatz zur unentrinnbaren Nachrichtenlage – die psychische Widerstandsfähigkeit fördert.
Die Gemeinschaft der Gläubigen wird laut Umfrageergebnisse des Berliner Forums der Religionen zwar vermisst, zumal das vielen Religionen immanente gemeinwohlorientierte, sozial-karitative Tun auf Kooperation abgestellt ist, was bis hin zum rituellen Gemeinschaftsessen bei den Sikhs reicht, das derzeit nicht durchgeführt werden darf. Auch ist der Verlust an Spendengeldern, die üblicherweise bei Veranstaltungen gegeben werden, nicht unerheblich. Mangelnde Gemeinschaftserlebnisse werden jedoch kreativ mittels Videoübertragungen und Videokonferenzen, Messengerdiensten oder anderen digitalen Plattformen kompensiert, dies auch über den eigenen Sprengel hinweg. Viele Gemeinden haben dafür technisch auf- oder nachgerüstet und sich das notwendige Know-How angeeignet. Obgleich besonders ältere, eher technikferne Menschen an diesen Angeboten weniger als ihre internetaffinen jüngeren Mitgläubigen teilhaben können, werden – so viel lässt sich jetzt schon sagen – viele Gemeinden diese Zeit der Einkehr und Entschleunigung nicht allein negativ in Erinnerung behalten.
Peter Amsler