Christmas
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Decolonizing Christmas – ein persönlicher Rückblick


Als ich an diesem Abend den Kirchraum der Friedenskirche Charlottenburg betrete, ist sie kaum wiederzuerkennen. Zuerst fällt mir die stille, konzentrierte Ruhe auf. Vor den Wänden hängen Stoffbahnen, bemalt mit Sternen und Motiven aus der Weihnachtsgeschichte, Lichter setzen gezielt Akzente und lenken den Blick. Ich bin fasziniert von der Umsetzung dieser Zeitreise durch die Weihnachtsgeschichte, die nicht nur erzählen will, sondern mit allen Sinnen erfahrbar machen möchte.
 
Ein Weg aus mehreren Stationen zieht sich durch den Kirchsaal, unterbrochen von schrankartigen Durchgängen, inspiriert durch den Film Narnia. Alles lädt dazu ein, langsamer zu werden, den Raum auf sich wirken zu lassen und zuzuhören. Es herrscht eine Atmosphäre, die es leicht macht, Geschichten aufzunehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
 
Vertraute Bräuche und ihre Geschichten
 
Die erste Station setzt bei Dingen an, die fast jeder kennt. In der Mitte unseres Stuhlkreises liegen weihnachtliche Gegenstände: Tannenzapfen und Tannengrün, Geschenke, Adventskalender, Spekulatius, Weihnachtsgebäck und der Nikolaus. Es sind Bilder, die Erinnerungen an die eigene Kindheit hervorrufen und die ganz selbstverständlich mit Weihnachten verbunden sind und die ich, ehrlich gesagt, lange nicht weiter hinterfragt habe.
 
Bastian Schmidt, Leiter der Führung und evangelischer Theologiestudent, stellt uns den Nikolaus jenseits seiner Rolle als süßer Schokoladenmann vor. Er spricht vom heiligen Nikolaus von Myra als historischem Menschen mit ethischer Tiefe. Er war ein Bischof, der für Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft und die besondere Sorge um Arme und Bedürftige stand. Von hier aus erklärt er, wie sich diese Gestalt im Laufe der Zeit verändert hat und schließlich zur populärkulturellen Figur des Weihnachtsmannes wurde und wie sich damit auch der Fokus verschoben hat, vom sozialen Handeln hin zum Konsum, ohne dass die Verbindung zum Schenken ganz verloren gegangen ist.
 
Traditionen sind also nichts Starres. So wie sich Zeiten ändern, verändern sich auch Bräuche. Sie nehmen Neues auf, verlieren anderes, ohne dass ihr Kern zwangsläufig verschwindet. Im Fall des Nikolaus bleibt der Blick der sich auf andere richtet. 
 
Dabei wird deutlich, dass das Schenken zur winterlichen Jahreszeit nicht ausschließlich an Weihnachten gebunden ist. Die muslimische Referentin Gökce Aydin berichtet, dass es in der Türkei inzwischen üblich ist, sich zum Neujahrsfest zu beschenken. Ich frage mich, woran das liegt. Vielleicht daran, dass Übergänge wie das Ende eines Jahres und der Beginn eines neuen, Menschen unabhängig von Kultur und Religion dazu einladen, innezuhalten, zurückzublicken und sich neu auszurichten. Für mich selbst sind solche Momente oft mit Dankbarkeit verbunden: für das, was war, für das, was kommt, und für die Menschen, die das eigene Leben begleiten. Vielleicht sind Geschenke genau deshalb so präsent, als Ausdruck dieser Verbundenheit.
 
Der Tannenbaum als immergrüne Pflanze wird in dieser dunklen, stillen Jahreszeit zum Zeichen von Lebenskraft, Beständigkeit und Orientierung. Dass geschmückte Bäume in der Türkei eher mit dem Jahreswechsel als mit Weihnachten verbunden sind, wie Gökce erläutert, verdeutlicht eindrücklich, wie Bräuche weitergetragen, umgedeutet und in neue Zusammenhänge gestellt werden können, ohne ihre symbolische Kraft zu verlieren.
 
Ähnlich verhält es sich mit Kalendern. Der Adventskalender, der die Zeit bis Weihnachten strukturiert, findet inzwischen Entsprechungen in anderen religiösen Kontexten, etwa als Begleitung durch den Fastenmonat Ramadan. Für mich wird hier sichtbar, wie Vorfreude, gemeinschaftliches Erleben und das Bedürfnis nach Struktur Ausdrucksformen finden, die sich ähneln, ohne gleich zu werden und wie religiöse Traditionen voneinander lernen können, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
 
Ein weiterer Schwerpunkt dieser Station liegt auf der Bedeutung des Lichts. In der Weihnachtszeit sind Lichter allgegenwärtig: zu Hause, in Fenstern, auf Straßen. Licht steht hier für Hoffnung, Orientierung und neues Leben. Zwar ist mir diese Symbolik aus dem christlichen Kontext vertraut, doch wird deutlich, dass sie viel älter ist. Bereits vorchristliche Traditionen, etwa im römischen Kult um Sol Invictus, griffen die Erfahrung der Wintersonnenwende auf und verbanden sie mit der Hoffnung auf die Rückkehr des Lichts. Licht erscheint so weniger als konfessionelles Symbol, sondern als Ausdruck einer grundlegenden menschlichen Erfahrung.
 
Weisheit – und wer sie verkörpert
 
Die nächste Station steht ganz unter dem Thema Weisheit. Vor uns stehen drei lebensgroße Figuren, die die sogenannten „Weisen aus dem Morgenland“ darstellen. Schon diese Darstellung irritiert leicht, denn schnell wird deutlich, dass vieles von dem, was wir über die „Heiligen Drei Könige“ zu wissen glauben, späteren Deutungen entstammt.
 
Bastian erläutert, dass sie im biblischen Text des Evangelium nach Matthäus weder als Könige bezeichnet noch eindeutig gezählt werden. Matthäus, selbst jüdisch geprägt und zugleich in einer hellenistischen Umwelt schreibend, bezeichnet sie als magoi. Ein Begriff, der Gelehrte und Sterndeuter meint, zugleich aber auch skeptisch gelesen werden konnte und mit dem Verdacht auf Scharlatanerie belegt war. 
 
Gerade diese Fremdheit erfüllt jedoch eine erzählerische Funktion wie Bastian erläutert. Die magoi kommen von außen, aus dem „Morgenland“, einem Ort, der in der antiken Vorstellung für das Ferne, das Geheimnisvolle und das Weise stand. Sie sind es, die die Zeichen am Himmel deuten und sich auf den Weg machen. In verschiedenen christlichen Traditionen wird diese Geschichte unterschiedlich weitererzählt. In der koptischen Überlieferung ist von vier bis sechs Weisen die Rede, in syrischen und äthiopischen Traditionen sogar von bis zu zwölf. Die Zahl Drei, die heute so vertraut ist, setzt sich erst später durch, vermutlich orientiert an den drei Gaben. Hier zeigt sich wieder einmal, wie Erzählungen wachsen, sich verdichten und vereinheitlichen.
 
Im Islam, erklärt Gökce, gibt es keine Entsprechung zu den „Heiligen Drei Königen“. Dennoch spielt Weisheit eine zentrale Rolle. Einer der 99 Namen Gottes ist al-Hakim, der Allweise. Weisheit wird dabei nicht als etwas Elitäres oder Standesgebundenes verstanden, sondern als Fähigkeit, Einsicht zu gewinnen und verantwortungsvoll zu handeln. Etwas, das von jedem Menschen kultiviert werden kann, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status.
 
Mit ihrer bewussten Verbindung von „Weisen“ und „Waisen“ lenkt sie den Blick auf jene, die gesellschaftlich besonders schutzbedürftig sind, und macht deutlich, dass sich Weisheit nicht in Wissen oder Ansehen zeigt, sondern in Haltung, Verantwortung und Mitmenschlichkeit. Eine ethische Grundlinie, die sich auch in der christlichen Weihnachtsgeschichte wiederfindet.
 
Maria, der Weg und unterschiedliche Erzählungen
 
Die nächste Station führt in das Haus Marias in Nazareth. Hier begegnen wir Maria aus islamischer Perspektive nicht als entrücktem Ideal, sondern als junger Frau, die glaubt, fragt und sich einer Aufgabe stellt, deren Tragweite sie erst allmählich begreift. Als Gott sie erwählt, steht nicht das Wunderhafte im Vordergrund, sondern ihr Ringen, ihr körperliches Erleben und ihre innere Stärke. Die Darstellung der Maryam im Koran verleiht der Figur eine große Nähe und Ernsthaftigkeit.
 
Der anschließende Weg nach Bethlehem macht noch einmal deutlich, dass es nicht die eine Weihnachtsgeschichte gibt. Das Evangelium nach Lukas schildert die Reise im Zusammenhang mit historischen und sozialen Umständen – Volkszählung, Bewegung, Unsicherheit –, während das Matthäusevangelium einen anderen Akzent setzt und die Geburt Jesu in Bethlehem voraussetzt, um die Erfüllung messianischer Verheißungen hervorzuheben. Auch im Islam findet sich keine Reiseerzählung in diesem Sinne. Entscheidend ist hier, dass diese Unterschiede nicht aufgelöst oder bewertet werden, sondern bewusst nebeneinandergestellt bleiben.
 
Besonders eindrücklich finde ich die Station zu den Hirten. Die Installation mit Heu, einem Hirten, Schafen und den an der Decke hängenden Lichterketten zieht den Blick an und schafft eine dichte Atmosphäre. Inhaltlich wird deutlich, dass Hirten in der damaligen Gesellschaft als ungebildet und sozial niedriggestellt galten. Im Lukasevangelium sind es jedoch ausgerechnet sie, die als Erste von der Geburt Jesu erfahren. Im Islam spielt der Hirte ebenso eine besondere Rolle, da viele Propheten biografisch als Hirten beschrieben werden. Wieder zeigt sich ein Motiv, das sich durch die gesamte Führung zieht: Erkenntnis und Offenbarung erscheinen nicht bei den Mächtigen, sondern bei den Übersehenen.
  
Die Geburt Jesu – Wunder und Wirklichkeit
 
Die Geburt Jesu wird schließlich aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Die christliche Tradition beschreibt sie oft als Wunder während der Koran die Geburt als einsame, körperlich fordernde Erfahrung unter einer Palme beschreibt. Bastian fügt hinzu, dass Geburten unter unsicheren Bedingungen, Armut und Flucht keine Ausnahme und damals wie heute noch Realität sind.
 
Was ich mitnehme
 
Ich gehe an diesem Abend nicht mit einer fertigen Antwort nach Hause. Aber mit dem Eindruck, dass diese Veranstaltung nicht darauf abzielte, Weihnachten infrage zu stellen oder gar abzuschaffen. Ich habe sie als ein ruhiges, respektvolles Bildungs- und Dialogangebot erlebt, das Unterschiede sichtbar macht, ohne sie vorschnell aufzulösen oder zu glätten.
 
Was ich mitnehme, ist vor allem die Erfahrung, dass religiöse Geschichten an Tiefe gewinnen, wenn man sie nicht aus ihrem Kontext löst und sie stattdessen erweitert. Dass es möglich ist, vertraute Erzählungen ernst zu nehmen, ohne sie zu idealisieren, und sie zugleich in Beziehung zu anderen Traditionen zu setzen, ohne sie dabei zu relativieren. Dieses Nebeneinander von Gemeinsamkeiten und Unterschieden habe ich als bereichernd erlebt.
 
Was ich an diesem Abend erfahren habe, unterscheidet sich deutlich von dem Bild, das später in Teilen der Berichterstattung gezeichnet wurde. Die Führung war geprägt von Aufmerksamkeit, Ruhe und dem ernsthaften Versuch, einander zuzuhören. Für mich war sie weniger eine Stellungnahme als eine Einladung zum Nachdenken, zum Fragenstellen und dazu, Weihnachten nicht als festgefügte Erzählung zu begreifen, sondern als eine Geschichte, die immer wieder neu gelesen werden will.
 
Darin liegt für mich ihre bleibende Bedeutung und auch ihre verbindende Kraft in einer vielfältigen Gesellschaft.

Verfasserin: Melissa, Teilnehmerin
 
 
 

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